Image default

Immortals Fenyx Rising ist der Versuch von Ubisoft, einen Angriff auf Platzhirsch Zelda zu starten – doch ist der Angriff von Erfolg?

Immortals Fenyx Rising ist wahrlich Licht und Schatten zugleich.
Maurice Skotschir

Mit Immortals Fenyx Rising reiht sich der nächste Titel in die sogenannten “Wildlikes” ein. Das Subgenre wurde durch das im März 2017 für die Nintendo Switch erschienene Zelda: Breath of the Wild gegründet. Im Anschluss folgten einige Titel, die versucht haben, auf den Erfolg von Nintendos bekannter Marke aufzuspringen. Gelungen ist es nur den wenigsten. Nun bekommt Zelda allerdings namhafte Konkurrenz, denn der französische Publisher Ubisoft steigt in das Rennen mit ein. Und ob der Mix aus Assassin’s Creed Odyssey und Zelda-Abenteuer tatsächlich mit dem “Original” mithalten kann, verraten wir euch nun. So viel vorneweg: Fenyx Rising macht tatsächlich eine Menge Spaß.

Prominente Geschichtenerzähler

Die gesamte Geschichte von Immortals Fenyx Rising erzählen uns zwei prominente Gesicher der griechischen Mythologie größtenteils aus dem Off: Zeus und Prometheus. Der bekannte Göttervater hat ein großes Problem, denn alle anderen Götter wurden unterworfen und in verschiedene Dinge und Tiere verwandelt. Dabei wurde ihnen natürlich auch ihre Macht (Essenz) geraubt. Verantwortlich für das ganze Chaos ist Typhon, ein ziemlich fieser Zeitgeselle. Auf der Suche nach Unterstützung im Kampf gegen Typhon sucht Zeus Prometheus auf. Beide schließen eine Wette ab und so beginnt die Geschichte von Protagonist(in) Fenyx auf der Goldinsel.

Wir dürfen uns aussuchen, ob wir als Mann oder als Frau spielen wollen, können aber jederzeit im Spiel das Geschlecht und Aussehen anpassen. Haben wir unsere Gestalt festgelegt, beginnt das Abenteuer und wir müssen die Götter befreien. Damit unser Kampf gegen Typhon am Ende nicht einseitig ausgeht, bekommen wir für das Befreien der Götter ihren Segen. Das sind im Prinzip besondere Fähigkeiten, die uns im Spiel weiterhelfen. Kommentiert wird alles, was wir als Fenyx machen, von den beiden Göttern, die sich dabei selten für einen plumpen Scherz zu schade sind. Hin und wieder können wir uns ein leichtes Schmunzeln nicht verkneifen, die meiste Zeit aber schütteln wir mit dem Kopf. Die vermeintlichen Witze sind einfach zu plump und infantil.

Umfangreicher Prolog

Die Goldinsel ist in sieben Teile aufgesplittet, für jeden Gott einen. Dabei unterscheidet sich jeder Teil der Spielwelt deutlich von den anderen und ist durchaus schön gestaltet. Das Einführungsgebiet, sozusagen, ist der Schmetterfelsen von Hermes. Hier ist vieles zerstört und alles eher düster und finster gehalten. Im Schmetterfelsen beginnt die Reise von Fenyx und unser Protagonist erfährt nach und nach die spielerischen Grundlagen. Im Anschluss begeben wir uns in ein Gebiet, das uns das glatte Gegenteil präsentiert: Nämlich ein fruchtbares Tal das Aphrodite ihr Heim nennt, geschmückt mit schönen Blumen, dichten Wäldern, ansprechender Architektur und vielen Gewässern. In diesem Teil der Goldinsel endet auch der Prolog und wir dürfen fortan die offene Spielwelt in beliebiger Reihenfolge auf eigene Faust erkunden.

Lodernder Mittelpunkt

Immortals Fenyx Rising ist unter anderem ein Produkt von Entwicklern, die bereits an Assassin’s Creed mitgewerkelt haben. Und das merkt man auch durchaus häufig. Das wird vor allem im Hain des Kleos deutlich, Athenas’ Gebiet. Hier warten große Reichtümer, eine Menge Gold und vor allem imposante Tempel, sodass ein kleiner Odyssey-Flashback unausweichlich ist. Anders sieht es da schon in den Schmiedelanden von Hephaistos aus, dessen Gebiet vor allem von Minen, Ressourcen und mechanischen Gegnern geprägt ist. In der Ferne haben wir außerdem immer Blick auf den Königsgipfel von Göttervater Zeus. Dessen Bereich der Welt strotzt voller Schnee und Eis. Den Gipfel müssen wir aber erst gegen Spielende versuchen zu erklimmen – eine nicht zu unterschätzende Aufgabe. Den Gegenpol zu Zeus’ Königsgipfel bildet Typhons lodernder Flammenberg in der Mitte der Goldinsel, der zum Schauplatz des finalen Bosskampfes wird.

Viel Beschäftigungstherapie, wenig Interessantes

Zwar kann der visuelle Aspekt der Welt durchaus überzeugen, doch an vielen Stellen gibt es deutliche Unterschiede zum Nintendo-Vorbild. Denn insgesamt wirkt die Spielwelt eher als seelenlose Hülle, die bloß mit einigen Beschäftigungsmöglichkeiten gefüllt wurde. Abseits der Hauptgeschichte und ein paar Nebenaufgaben gibt es kaum motivierende Dinge zu erledigen. Viel zu schnell setzt eine Monotonie ein, die dem Design geschuldet sind. So gibt es zwar viele Gefechte zu führen und Wertsachen zu heben, doch die Gestaltung ist immer recht identisch, ohne dabei interessante Geschichten zu erzählen.

Apropos interessante Geschichten. Die gesamte Spielwelt besteht eigentlich nur aus Gegnern und Göttern und kaum anderen NPCs. Dadurch gibt es auch keine große Motivation, vom Pfad der Story abzuweichen und sich anzuschauen, was der nicht spielbare Charakter dort hinten zu erzählen hat. Es gibt halt quasi keine. Dafür können wir wiederum alles erreichen, was wir sehen können. Denn ähnlich wie Breath of the Wild setzt Ubisoft bei Fenyx’ Abenteuer auf ein Ausdauer-System das ähnlich funktioniert, aber etwas Einfacher gestaltet ist.

Vielfältige Kampfdynamik

Immortals Fenyx Rising kann zwar nicht mit motivierenden Sammelobjekten und Nebenbeschäftigungen punkten, dafür aber mit dem Kampfsystem. Denn unter anderem wegen der Flügel auf Fenyx Rücken gewinnen die Kämpfe an Dynamik. Dank dieser tragen wir die sonst recht eindimensionalen Auseinandersetzungen auch in der Luft aus. Hinzukommen eine große Varianz an Waffen, Fähigkeiten, Verteidigungen und der Möglichkeit, auszuweichen. Statt zu einer Truhe in der Nähe zu gehen, oder einer der zahlreichen Beschäftigungen zu starten, sind wir immer öfter von Kampf zu Kampf gestolpert und hatten dabei teilweise mehr Spaß, als beim Rest des Spiels. Die Story wartet sowieso, also warum nicht noch ein paar mythische Kreaturen, von denen es einige gibt, verkloppen?

So viel Spaß das dynamische Kampfsystem auch macht, so fordernd kann auch der Schwierigkeitsgrad des Spiels sein. Es gibt mehrere Optionen zur Auswahl, die sich jederzeit – also auch während des Spiels – ändern lassen. Wählt ihr einen mittleren bis höheren Schwierigkeitsgrad, gehört der Game-Over-Bildschirm quasi zum Spielerlebnis dazu. Wer also auf einen flüssigeren Spielverlauf wert legt und dessen Frustrationsgrenze weit unten ansetzt, sollte eine leichtere Schwierigkeit bevorzugen. Es gibt zwar einige Rätsel, doch der Anspruch des Spiels steckt definitiv in den Kämpfen. Und weil wir immer wieder den Vergleich zu Zelda gezogen haben: Nein, Waffen nutzen sich auf Fenyx’ Reise nicht ab. Pluspunkt!

Höher, schneller, weiter

Neben der Hauptgeschichte und der damit verbundenen Befreiung der Goldinsel stehen vor allem die Möglichkeiten für Verbesserungen im Fokus des Spiels. Im Verlauf sammeln wir immer mehr Waffen, Rüstungen, Schwingen, Pferde, Tränke und noch vieles mehr. Ausrüstungsgegenstände können wir dabei beliebig wechseln und ausrüsten, wobei sich das Aussehen unseres Charakters ändert. Mit den in der Spielwelt gefundenen Edelsteinen lassen sich die Waffentypen aufwerten. Zusätzlich stehen uns noch sechs göttliche Kräfte zur Verfügung, die wir nach und nach freischalten. Um diese mächtigen Attacken zu verbessern, müssen Charonsmünzen gesammelt und in der Halle der Götter eingetauscht werden. Außerdem lassen sich noch Verbrauchsgegenstände wie Pilze oder Granatäpfel finden, aus denen jeweils ein passender Trank hergestellt werden kann – beispielsweise ein Ausdauer- oder Heiltrank.

Typhons Rätselschr… Gewölbe!

Mit Ambrosia lässt sich die Lebensenergie Fenyx’ erweitern, wohingegen die Blitze des Zeus die Ausdauer in die Höhe treiben. Letztere findet ihr in den Gewölben Typhons wieder, von denen es etwa 60 in der ganzen Welt gibt. Diese Gewölbe sind das Eins-zu-eins-Pendant zu den Rätselschreinen aus Breath of the Wild. Sie sind ebenfalls durch eine Ladezeit von der offenen Spielwelt getrennt und auch hier müssen die Fähigkeiten in unterschiedlichen Schwierigkeitsstufen kombiniert werden, um die Rätsel zu lösen und die Gegner zu besiegen. Im Verlauf der Gewölbe können zudem noch Extra-Truhen gefunden werden, die aber nicht für den erfolgreichen Abschluss vonnöten sind. Typhons Gewölbe bieten zwar eine spannende Herausforderung, doch auch diesen mangelt es an Abwechslung. Viel zu oft müssen wir die gleichen Dinge tun, viel zu selten muss um die Ecke gedacht werden.

Grafik

Grafisch ist das Spiel natürlich auch an Nintendos Konkurrenten angelegt, doch die größte Schwäche liegt definitiv bei der Grafik. Denn bei Immortals Fenyx Rising gibt es durchaus Potenzial für Albträume. Die Goldinsel, und damit die Spielwelt, ist zwar durchaus ansehnlich, abwechslungsreich und ansprechend gestaltet. Doch der Grafikstil entfaltet bei Personen, Monstern und dessen Gesichtern durchaus Potenzial für ein Gruselkabinett. Vielleicht gibt es deswegen so wenig NPCs? Die Animationen der Charaktere sind, wenn überhaupt vorhanden, hölzern und alles andere als ansehnlich. Wirklich viel Abwechslung bieten einem die Gesichter – bis auf Bärte und verschiedene Farben – nicht. Statt einem charmanten Comic-Stil wirken die Charaktere wie ein uneheliches Kind von Mass Effect Andromeda und Zelda. Schade.

Fazit

Die große Frage, die sich stellt, ist: Kann Immortals Fenyx Rising wirklich mit Genre-Platzhirsch Zelda mithalten und wenn ja, wie gut? Die Antwort auf diese Frage ist nicht leicht zu finden, denn Ubisofts Wildlike nimmt sich zwar vieler Aspekte des Vorbilds an, kann sie aber oftmals nicht überzeugend genug umsetzen. Angefangen bei der Wahl des Grafikstils. Zwar kann die Welt ein durchaus überzeugendes Bild abliefern, doch die Charaktere können hier kaum mithalten. Das Kampfsystem ist dynamisch und durch die vielen Verbesserungen und unterschiedlichen Waffen abwechslungsreich und motivierend gestaltet, doch die ganzen Nebenbeschäftigungen der Goldinsel schwächeln stark. Vor allem das Fehlen von interessanten Geschichten und NPCs in der Welt sind ein großes Manko, dennoch macht das Erkunden der Welt Spaß. Das Erzählen der Geschichte von Zeus und Prometheus aus dem Off ist eine nette Idee, doch der aufgezwungene Humor zündet nur selten. Immortals Fenyx Rising ist wahrlich Licht und Schatten zugleich. Sollten euch die genannten Kritikpunkte nicht allzu sehr stören, solltet ihr definitiv zuschlagen. Dann habt ihr nämlich mit dem Spiel eine Vielzahl an Stunden Spaß.

Getestet wurde die PlayStation 5-Version, die freundlicherweise von Ubisoft zur Verfügung gestellt wurde!

Ähnliche Beiträge

Marvel’s Avengers bleibt weit hinter den Erwartungen

Maurice Skotschir

Borderlands 3 unser Next-Gen-Eindruck

Maurice Skotschir

Sony produziert mehr als zwei Dutzend Exklusivtitel

Maurice Skotschir

Wir verwenden (zuckerfreie) Cookies um euch im Internet verfolgen zu können. Mit dem Besuch der Seite, stimmst du dieser Frevelei zu. OK Mehr erfahren

Privatsphäre & Cookies