Image default

Baldur’s Gate 3 ist seit dem 6. Oktober 2020 im Early Access verfügbar, und wir haben uns den Titel mal angeschaut – das ist unser Eindruck.

“Die Larian Studios beweisen mit Baldur’s Gate 3 eindrucksvoll, wie Rollenspiel geht.”
Maurice Skotschir

Am 6. Oktober 2020 ist Baldur’s Gate 3 in die Early-Access-Phase gestartet. Vermutlich verbleibt der Titel für etwas mehr als ein Jahr in dieser Phase, bevor das Spiel offiziell in die Vollversion geht. Die Arbeit am Rollenspiel übernehmen die Entwickler der Larian Studios, die sich im Vorfeld bereits mit Divinity Original Sin 1 und 2 einen Namen machen konnten. Nun dürfen sie die Prestige-trächtige Rollenspiel-Marke fortführen und in das moderne Zeitalter hieven.

Um in den Besitz der Early-Access-Version zu gelangen, verlangen die Entwickler rund 60 Euro. Das ist für so eine frühe Fassung eines Spiels recht viel Geld und richtet sich in erster Linie nur an Hardcore-Fans – dachten sie jedenfalls. Denn bisher verkaufte sich der Titel trotz des recht hohen Preises ziemlich gut – für den Geschmack der Entwickler teilweise sogar “schon zu gut”, wie selbst sagten. Doch bereits jetzt bekommt man einiges an Inhalt geboten. Denn bereits der erste Akt umfasst bereits knapp 46.000 Dialogzeilen, 600 verschiedene Charaktere, zahlreiche Zauber und bis zu 80 Kämpfe. Das soll im Verlauf der Early-Access-Phase natürlich noch erweitert werden. Doch bereits der erste Akt bietet bis zu 25 Spielstunden.

Umfangreiche Basis

Die Grundlage des Spiels formt das Pen-&-Paper-Rollenspiel Dungeons and Dragons, genauer gesagt das Regelwerk in der Version 5e. Entsprechend lässt sich auch ein komplett selbsterstellter Charakter vor Spielstart konfigurieren. Es gibt auch sogenannte Origin-Charaktere, die bereits vorgefertigt sind und im Spiel als Gefährte auftreten, allerdings sind diese im Early Access noch nicht verfügbar. Bisher sind acht Rassen verfügbar, die jeweils noch in Unterrassen unterteilt sind. Letzten Endes stehen so also 16 spielbare Völker zur Verfügung, die allesamt unterschiedliche Merkmale innehaben und sich so von anderen unterscheiden.

Hat man sich für eine Rasse entschieden, kann man seinen Charakter noch mit einer Vielzahl an Möglichkeiten individualisieren – wie beispielsweise mit Gesichtern, Farbeinstellungen, Frisuren und Tattoos. Sogar Make-up kann ausgewählt und farblich angepasst werden. Über hundert Gesichter von Schauspielern haben die Entwickler im Vorfeld digitalisiert und mithilfe digitaler Möglichkeiten in Gesichtsoptionen für die unterschiedlichen Rassen gewandelt. Dabei lassen sich auch Merkmale wie Stimme und Gesichtsbehaarung unabhängig des gewählten Geschlechts anpassen. Ist der Charakter so weit angepasst, fehlt nur noch die Auswahl der gewünschten Basisklasse. Von denen stehen aktuell sechs zur Verfügung, die sich jedoch im weiteren Spielfortschritt in Unterklassen entwickeln lassen. Wer sich mit D&D auskennt, hat definitiv Vorteile!

Ein besonderes Schiff zum Auftakt

Bereits die beiden Divinity-Ableger begannen auf einem Schiff – also warum bei Baldur’s Gate etwas daran ändern? Diese Frage haben sich die Entwickler mit Sicherheit auch gestellt, denn erneut starten wir auf einem – wenn auch besonderem – Schiff. Die Einführung in die grundlegenden Spielmechaniken erledigen wir nämlich auf einem fliegenden Nautiloid der Gedankenschinder – auch Illithiden genannt. Dieser Nautiloid pest schwer beschädigt durch die erste Ebene der Hölle – Avernus. Wir schlagen uns zur Brücke des Schiffs vor und bringen das Gefährt erneut nach Faerun. Was sich schnell runterschreiben lässt, ist aber durchaus spannend inszeniert – und es macht klar, was uns im Spiel erwartet. Nämlich der Kampf gegen die Gedankenschinder.

Nach dem holprigen Ritt in den Lüften stranden wir an der Schwerküste, hundert Meilen östlich von Baldurs Tor. Unser dringlichstes Ziel ist es, jemanden zu finden, der uns von der Kaulquappe (genannt Tadpole) befreien kann. Das sind die Kinder der Gedankenschinder, die uns langsam aber sicher ebenfalls in einen von ihresgleichen verwandeln. Auf der Suche nach Heilung erkunden wir die Welt des Rollenspiels in klassischer Iso-Perspektive und befehligen unseren Hauptcharakter via Mausklick. Auch Schatztruhen oder sonstige Beutemöglichkeiten durchsuchen wir mit einem einfachen Klick. Dank der hauseigenen Divinity-Engine (Version 4) muss sich das Spiel aber auch nicht verstecken. Durch die Zoom-Funktion kommen wir sehr nah ans Geschehen heran und können die wunderbaren Details der Welt entdecken und genießen.

Spannende, unvorhersehbare Wendungen

Und apropos Details, vor allem die Zwischensequenzen müssen sich nicht verstecken. Dank aufwendiger Performance-Aufnahmen sind sämtliche Dialoge mit einer hohen Qualität verbunden, die sich nicht vor AAA-Produktionen verstecken müssen. Dadurch beweisen die Entwickler, dass man selbst bei einem klassischen Rollenspiel moderne Akzente setzen kann – und so ein ganz neues Niveau erreicht als vergleichbare Titel. Diese Tiefgründigkeit zieht sich auch durch das gesamte Spiel weiter. Denn angefangen bei den Dialogen, die je nach Rasse, Klasse und Hintergrund des Charakters, verschiedene Optionen bieten, müssen wir für manche auch eine Probe, basierend auf unseren Werten, bestehen. Wie es für D&D typisch ist, kommt dabei ein 20-seitiger Würfel zum Einsatz, der nicht einfach im Hintergrund geworfen wird, sondern den der Spieler aktiv auslösen muss. Wir bleiben also zu jeder Zeit der aktive Teil im Spiel. Genau wie bei einem richtigen Pen & Paper.

Schaffen wir diese Würfe allerdings nicht, müssen wir mit Konsequenzen leben. Diese reichen von bloßem Sympathieverlust unseres Gesprächspartners, bei einer gescheiterten Überzeugungsaktion, bis hin zum Auslösen eines Kampfes, weil wir uns im Ton vergriffen haben und die Unterhaltung eine unvorhersehbare Wendung nahm. Die spielerische Freiheit wirkt schier unendlich und so verlaufen Geschichten immer anders, aber nie langweilig.

Großer Wiederspielwert

Selbst die simpelsten und banalsten Entscheidungen können dazu führen, dass sich Situationen im Spiel ändern. So kann bereits die Entscheidung, an einer Weggabelung rechts, statt links zu gehen, einen Unterschied machen. Dabei werden wir auch belohnt, wenn wir uns die Möglichkeiten des Spiels gewöhnen und das Areal analysieren und zu unserem Vorteil nutzen. Die Entwickler der Larian Studios haben ein wirklich intelligentes Leveldesign umgesetzt, das einen immer wieder mit versteckten Arealen, oder Überraschungsmöglichkeiten gegen unsere Feinde, belohnt. Bereits das Early-Access-Gebiet bietet eine Vielzahl an Arealen und weitläufigen Gebieten, wie beispielsweise ein Höhlensystem, das ganze Areale miteinander zu verbinden weiß. Besonders findige Spieler können auch Zugang zum “Underdark” erhalten und eine neue, zusätzliche Welt entdecken.

Durch all diese Möglichkeiten und unterschiedlichen Ausgänge für alle Art von Situationen, erhöht sich der Wiederspielwert enorm. Und das, obwohl bisher nur der erste Akt im Spiel ist, der bereits um die 25 Spielstunden Umfang bietet. Doch die vielen Möglichkeiten können sogar bei mehrmaligem Durchspielen immer wieder für neue Situationen sorgen, die wir dank eines anderen Charakters überhaupt erst freischalten können. Auch die Geschichten der verschiedenen NPCs und Begleiter sind durchaus interessant, doch man wird sie nicht alle beim ersten Durchlauf ergründen können.

Hybrid-Kampfsystem

Anders als noch in den Vorgängern, bei denen die Kämpfe in Echtzeit abliefen, sind die Kämpfe in Baldur’s Gate 3 rundenbasiert. Damit übernehmen die Entwickler nicht zwangsweise das System aus ihren anderen Titeln, sondern orientieren sich viel mehr an der Pen-&-Paper-Vorlage, da sie sich so gut wie möglich an das 5e-Regelwerk halten wollen. Im Spiel selbst handelt es sich um einen interessanten Mix aus Initiative-System und dem abwechselnden Ziehen der verschiedenen Charaktere. So wird zu Beginn eines Kampfes die Initiative der Teilnehmer ausgewürfelt, die die Startreihenfolge bestimmt. Dabei können wir auch mehr Freiheiten bekommen, wenn zwei Charaktere aus unserer eigenen Gruppe direkt nacheinander platziert sind.

Für jeden Zug haben unsere Helden eine bestimmte Bewegungsreichweite, eine Aktion und zusätzlich noch eine Bonusaktion verfügbar. Dabei können diese in beliebiger Reihenfolge genutzt werden. Es ist also nicht zwingend nötig, erst zu laufen, bevor man angreift, sondern man kann auch erst angreifen, sich dann heilen und im Anschluss weglaufen. Demnach gehören Angriffe und das Wirken von Zaubern zu den Aktionen und das Nutzen eines Tranks, Springen oder auch andere Unterstützungsfähigkeiten fallen in die Kategorie Bonusaktion. Beim Wirken von Zaubersprüchen gibt es außerdem noch eine Besonderheit, denn den Charakteren stehen nur eine begrenzte Anzahl an Zauberspruch-Slots zur Verfügung. Diese lassen sich beim Rasten am Lager wieder auffüllen.

Nicht alles ist perfekt

Neben den typischen Angriffen können wir aber auch noch spezielle Tricks anwenden oder die Umgebung mit einbeziehen. Können wir also mit unserer Nahkampfwaffe nicht in die Reichweite des Feindes gelangen, werfen wir einfach einen Gegenstand auf ihn. Dies geschieht wahlweise mit Gegenständen im Inventar oder in Reichweite des Charakters. Mithilfe einer Fackel können wir außerdem normale Pfeile in Feuerpfeile verwandeln, oder auch brennbare Flüssigkeiten wie Öl als Hilfsmittel nutzen, um Feinde in Brand zu stecken.

Doch trotz dieser vielen positiven Aspekte über Baldur’s Gate 3 merkt man an einigen wenigen Stellen die frühe Version des Spiels. In Dialogen kann es vorkommen, dass die Animationen der Charaktere noch nicht so geschmeidig sind. Oder, dass die Animationen in manchen Momenten noch etwas hakeln und nicht fertig erscheinen. Auch kommt es hin und wieder mal zu Glitches oder komischem Verhalten. Unter anderem verzerren sich die Leichen nach dem Ableben des Öfteren. Auch das Hantieren im Inventar läuft noch unrund und manchmal lassen sich Charaktere nur schwer über ihre Portraits anwählen. Die KI hakt hin und wieder, besonders wenn sie keinen unserer Helden erreichen können. Dann sehen wir, wie der NPC überlegt, was er tun soll und macht am Ende gar nichts. Aus dieser Schockstarre können sie sich auch leider nicht mehr befreien.

Ein Meilenstein

Trotz dieser, eher kleineren, Fehler läuft Baldur’s Gate 3 für einen Early-Access-Titel extrem performant. Trotz dessen, dass das Rollenspiel noch kein halbes Jahr verfügbar ist, macht es einen sehr guten und stabilen Eindruck. Die Vollversion erscheint vermutlich frühestens Ende des Jahres und bis dahin ist noch genügend Zeit, auch an den genannten Kritikpunkten zu feilen. Mit großer Sicherheit wird es – spätestens nach der Veröffentlichung – auch noch die ein oder anderen Komfort-Features geben. Dennoch kann das Spiel bereits jetzt auf vielen Ebenen überzeugen und ein alt-ehrwürdiges Franchise gelungen in die Moderne hieven.

Die durchweg spannende Inszenierung und glaubwürdige Charaktere bauen auf einem soliden Rollenspiel-Grundgerüst auf und perfektionieren es nahezu. Die Larian Studios beweisen mit Baldur’s Gate 3 eindrucksvoll, wie Rollenspiel geht. Denn schon mit den beiden Original Sins-Teilen haben sie bewiesen, wie klassisches Gameplay mit modernem Erscheinungsbild geht. Der vorhandene erste Akt macht jedenfalls Lust auf mehr und es bleibt spannend, wie die Geschichte am Ende ausgehen wird. All das Lob in Ehren kann noch viel durch die weiterführende Geschichte kaputtgehen. Am meisten freuen wir uns aber darauf, die Stadt “Baldur’s Tor” bald in voller Pracht zu erblicken. Doch bis dahin heißt es: geduldig bleiben.

Fazit

Ich habe im Vorfeld schon hier und da und etwas von Baldur’s Gate 3 mitbekommen. Und je mehr ich von dem Titel sah und las, desto mehr juckten die Finger und die Lust stieg, mir selbst ein Bild zu verschaffen. Nun habe ich die Möglichkeit bekommen und bin vollends erstaunt, wie gut das Rollenspiel schon in diesem frühen Zustand ist. Trotz kleinerer Macken könnte dies schon ein in der Vollversion veröffentlichter Titel sein. Die Entwickler der Larian Studios werden dem großen Namen mehr als gerecht und schaffen es, ein klassisches Rollenspiel mit einem modernen Erscheinungsbild auszustatten.

Vor allem die Möglichkeiten, seinen Charakter zu gestalten und seine Eigenschaften und Hintergründe auch in Dialogen zu nutzen, ist fantastisch. Hinzu kommen die vielen Möglichkeiten in der Spielwelt und das intelligente Leveldesign, das immer für eine Überraschung gut ist. Die spannende Geschichte, und dass man wissen möchte, wie es weitergeht, sind dabei das i-Tüpfelchen. All das, inklusive der Unvorhersehbarkeit mancher Dialoge, macht Baldur’s Gate 3 zu einem hervorragenden Early-Access-Titel. Es bleibt sehr spannend, wie die Entwickler noch den Inhalt erweitern werden und wie sie die anderen Akte gestalten. Rollenspiel-Fans sollten hier definitiv zuschlagen – trotz des Preises von rund 60 Euro. Es ist bereits jetzt jeden Cent wert und sorgt für eine Menge Spaß!

Der Key für die PC-Version des Spiels wurde freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Ähnliche Beiträge

Denuvo Anti-Cheat ist jetzt Teil von Steam!

Maurice Skotschir

Demon’s Souls: Boletarias geheime Tür öffnen

Maurice Skotschir

Base One im Test: Basisbau im Weltraum

Maurice Skotschir

Wir verwenden (zuckerfreie) Cookies um euch im Internet verfolgen zu können. Mit dem Besuch der Seite, stimmst du dieser Frevelei zu. OK Mehr erfahren

Privatsphäre & Cookies